Treuhand ignorierte Genossenschaften als Alternative

+++update  ++++Dieser Beitrag wurde am 3.Oktober 2019 ergänzt. 

Hoyerswerda/Grimma, 17. Mai 2018 (geno). Die Treuhandanstalt ignorierte bei der Anpassung der DDR-Wirtschaft an marktwirtschaftliche Verhältnisse Genossenschaften völlig. Sie wären neben der Ausgabe von Anteilscheinen an den volkseigenen Betrieben an die DDR-Bürger eine wirksame Alternative gewesen. Das brachte Dr. Marcus Böick von der Ruhr-Universität Bochum in dieser Woche auf zwei Abendveranstaltungen in Grimma und Hoyerswerda zum Ausdruck, bei denen er die erste umfassende wissenschaftliche Studie über die Tätigkeit der Treuhandanstalt 1990 bis 1994 der Öffentlichkeit vorstellte. Die volkseigenen Unternehmen hätten ohne größere Probleme in Genossenschaften umgewandelt werden können.

Die Treuhandanstalt sollte nach dem ursprünglichen Plan des Runden Tisches, an dem die relevanten Gruppen der Friedlichen Revolution und die Regierung unter Hans Modrow über die weitere Zukunft der DDR berieten, das Volksvermögen bewahren. Letztlich tat sie das genaue Gegenteil und verschleuderte es. Die Vorgänge glichen einer gigantischen, historisch kaum vergleichbaren Plünderungsaktion. Die Ausmaße des Raubzuges sind bis heute kaum zu beschreiben. Statt das Volksvermögen zu hüten, privatisierte diese Anstalt es im Eiltempo. Von 8.500 Betrieben im Sommer 1990 waren bis zum Ende der Treuhandanstalt 1994 nur noch 601 übriggeblieben. Zwei Drittel wurden verkauft überwiegend an Unternehmer aus Westdeutschland. Rund 30 Prozent wurden liquidiert, sprich stillgelegt. Von vier Millionen Arbeitsplätzen blieben maximal 1,1 Millionen übrig. 

Nach den Worten des Historikers Böick ist die Treuhand ein “Symbol für die Übernahme des Ostens durch den Westen.” Er gab Einblicke in seine Recherchearbeit. Sie wurde von den Behörden, die offensichtlich etwas zu verbergen haben, sehr phantasievoll blockiert. Und das, obwohl für die Studie ein offizieller Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums und der Ostbeauftragten der Bundesregierung vorlag. Nach Angaben von Böick befinden sich die vorhandenen Akten, die sagenhafte zehn Regalkilometer füllen, in einem “chaotischen” Zustand. Einsicht sei erst nach zähem Ringen mit Ministerien und Bundesarchiv möglich gewesen. Inzwischen seien vier befristet angestellte Mitarbeiter eingestellt, die noch weit bis in die 2020er Jahre hinein mit der Aufarbeitung beschäftigt sein werden. Ihre Tätigkeit besteht darin, das unsägliche “Wirken” von seinerzeit fast 4.000 Treuhand-Mitarbeitern zu ergründen und zu bewerten. Eine wahre Sisiphus-Arbeit. Erste konkrete Einblicke in dieses dunkle, bislang kaum untersuchte Kapitel der deutschen Wiedervereinigung gibt ein 800 Seiten umfassendes Buch mit dem Titel “Die Treuhand. Idee, Praxis, Erfahrung 1990-1994”, das am 2. Juli 2018 erscheint. Autor ist Marcus Böick. Da der Preis 79,-€ beträgt, dürfte es sich kaum eines der prekär lebenden Opfer der Treuhandanstalt leisten können. ++ (tr/mgn/17.05.18 – 097)

www.genonachrichten.de, www.genonachrichten.wordpress.com, www.genossenschaftsnachrichten.wordpress.com, e-mail: mg@genonachrichten.de, Redaktion: Matthias Günkel (mgn), tel. 0176 / 26 00 60 27

Die große Koalition gegen den kleinen Mann wird fortgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die von der BaFin unterstützte Fusionswelle unter den Genossenschaftsbanken.  Anmerkung der Redaktion Genossenschaftswelt.

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • […] gefördert. Dem persönlich genutzten Eigentum steht genossenschaftliches Eigentum gleich”. Aber dann kam die Treuhand. ++ (wg/mgn/22.11.19 – […]

  • Gerd K. Schaumann
    15. November 2018 15:57

    Recherchen zu Geschichte sind wichtig und richtig. Die Idee, Volksvermögen in genossenschaftliche Strukturen einzubringen sollte man nicht unterschätzen. Aber muss sie nur dazu dienen, um “Vergangenheit” nachzutrauern? Oder könnte das auch als Herausforderung dazu dienen, ein Stück Zukunft zu einer Kooperationsgesellschaft – sozusagen als Herausforderung – anzunehmen anzunehmen?
    Zumindest beachtlich, dass man einer ganzen Volkswirtschaft zutraute, von Menschen selbstorganisiert, sozusagen als MitUnternehmer entwickelt zu werden. Wir stehen heute vor einer ähnlichen Fragestellung. Wäre es heute nicht denkbar, dass Parteien und Verbände sich der Idee nähern könnten, diesen Grundgedanken aufzugreifen und wirklich Impulse zu geben, eine Gesellschaft der Kooperation – zumindest als Option – entstehen zu lassen? Im Gegensatz zu einigen anderen EU-Staaten, gibt es in Deutschland kaum sichtbare und nachvollziehbare Initiativen, aus denen erkennbar und spürbar wäre, dass man man wirklich mehr Kooperation, mehr Genossenschaft will. Nur 0,2 % (!) aller mittelständischen Unternehmen werden derzeit als Genossenschaft ausgewiesen. Die netten “Zustimmungen” von Parteien – zugunsten von Genossenschaften – kennt man zur genüge. Es fehlt jedoch an klaren Initiativen, z.B. an speziellen Förderprogrammen, um “Startups” als Genossenschaft (“Coop-Starter”) überhaupt sinnvoll erscheinen zu lassen. Was damals die “Runden Tische” waren, könnte heute vielleicht ein “Parlament der Selbstorganisation” sein, im dem genossenschaftliche und kooperative Ideen sich entfalten könnten und in Politik und Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. …

  • […] Die Treuhandanstalt sollte nach dem ursprünglichen Plan des Runden Tisches, an dem die relevanten Gruppen der Friedlichen Revolution und die Regierung unter Hans Modrow über die weitere Zukunft der DDR berieten, das Volksvermögen bewahren. Letztlich tat sie das genaue Gegenteil und verschleuderte es. Die Vorgänge glichen einer gigantischen, historisch kaum vergleichbaren Plünderungsaktion. Die Ausmaße des Raubzuges sind bis heute kaum zu beschreiben. Statt das Volksvermögen zu hüten, privatisierte diese Anstalt es im Eiltempo. Von 8.500 Betrieben im Sommer 1990 waren bis zum Ende der Treuhandanstalt 1994 nur noch 601 übriggeblieben. Zwei Drittel wurden verkauft überwiegend an Unternehmer aus Westdeutschland. Rund 30 Prozent wurden liquidiert, sprich stillgelegt. Von vier Millionen Arbeitsplätzen blieben maximal 1,1 Millionen übrig…..(vollständiger Beitrag zum Thema Genossenschaftsmodell) […]

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