Was ist die Mitgliedschaft in Genossenschaften wert?

Bullay, den 28.April 2022. Vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert äußerte Cornell J. Bock, damaliges Vorstandsmitglied im Bund deutscher Konsumgenossenschaften, Hamburg, in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen zur Genossenschaftsidee“ (ZfgG 1969, S. 29): „Mitgliedschaft“ sei als Begriffsbezeichnung ebenso antiquiert wie als Zeiterscheinung unpopulär. Er wies insbesondere auf die mangelnde Bindungsbereitschaft hin, von der alle überkommenen Organisationen wie Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und eben auch Genossenschaften ein Lied singen konnten. Der Mensch strebte in vielerlei Bereichen seiner Existenz nach prinzipieller Freiheit. Dieses bis heute fortbestehende Phänomen wirft die Frage nach dem aktuellen Wert und der Bedeutung der Mitgliedschaft in Genossenschaften auf.

Gewiss wäre es ein Missgriff, das moderne Gruppenleben mit mehr oder weniger lose „organisierten“ Kontakten als alleinige Erklärung dafür wählen, dass das Interesse an der traditionell als Dauerbindung gedachten Mitgliedschaft in einer Genossenschaft heute noch geringer ausgeprägt ist als dies von rund 50 Jahren der Fall war. Dem rauchgeschwängerten Versammlungssaal als Ort der persönlichen Mitbestimmung des Geschehens in einen Genossenschaft hat sich im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte vielerlei Konkurrenz zugesellt und das moderne Gruppenleben ist stärker durch Abwechslung und entsprechend durch Fluktuation geprägt. Eine durch Pandemie gekennzeichnete und um den Krieg in Europa besorgte, aber immer noch „Gesellschaft im Überfluss“ bietet viele Möglichkeiten, das individuelle Dasein fern von statutarisch vereinbarter Bindung mit Einbringung von Kapital und Mitwirkung an der Selbstverwaltung eines gemeinschaftlichen Genossenschaftsunternehmens zu gestalten.

Doch veränderte individuelle Bedürfnisse und Verhaltensweisen beschreiben nur eine Seite der Medaille „Mitgliedschaft in Genossenschaften“. Die Genossenschaften selbst haben zum Wertverlust der Mitgliedschaft beigetragen. Und zwar u. a. durch notwendige Rationalisierung wirtschaftlicher Abläufe und mehr noch durch den starken Hang vieler Genossenschaften zum Größenwachstum, das einen Übergang von der klassischen Generalversammlung zur lediglich repräsentativen Demokratie in einer Vertreterversammlung mit sich brachte. Diese nicht selten zwanghafte Tendenz hat eine Entfremdung der Mitglieder von ihrer Genossenschaft bei Dominanzmehrung des Vorstandsorgans mit sich gebracht. In diesem Prozess hat fusionsbedingte Konzentration die Mitgliederbasis von der Mitgestaltung des Geschäftsbetriebs getrennt und die Genossenschaft aus der Sicht des einzelnen Mitgliedes die Gestalt einer unpersönlich werdenden Einrichtung angenommen. Wer kennt schon die in den Organen Vertreterversammlung, Aufsichtsrat und Vorstand tätigen Personen und hat zu ihnen Kontakt? Und wer vermag zuverlässig abzuschätzen, wie es um die vielbeschworene Mitgliederorientierung seiner Genossenschaft und der Auftrag zur Mitgliederförderung bestellt ist? Findet doch bei zunehmenden Engagement von Genossenschaften auf dem Feld des Allgemeinwohls mit der Strategie „Mitglieder- und Gemeinwohlförderung“ eine schleichende Annäherung an das Prinzip „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ und das Führerprinzip einer dunklen deutschen Zeit statt.

Vieles von dem, was hier gesagt ist, lässt sich unschwer beweisen. Was es an der Veränderung des Genossenschaftswesens zu bedauern und nicht minder zu bemängeln gibt betrifft längst nicht die gesamte Genossenschaftsorganisation. Aber der Sauerteig wirkt bekanntlich weiter gemäß seiner Wirkungskraft. Und daran haben die Mitgliederseite, die Genossenschaften und leider auch der Gesetzgeber ihren Anteil.

Zum Ausgangspunkt zurückkommend kann und soll klar gesagt werden: Die Mitgliedschaft ist nicht mehr das, was sie einmal war: nutzbringend und geschätzt, eine genossenschaftsspezifische Institution gelebter Basisdemokratie in der kooperativen Wirtschaft. Die Zeiten ändern sich und die Genossenschaften samt Mitgliedschaft haben sich in ihnen verändert – leider nicht zum Vorteil der Genossenschaften im Konzert der Unternehmensformen. Vielerorts hat sich eine durchaus vermeidbare Auszehrung des Wertes statt einer positiven, die Marktposition von Genossenschaften stärkenden Aufladung der Mitgliedschaft eingestellt. (c) 2021 igenos Arbeitskreis Grundsatzfragen

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Stretzinger
    29. April 2022 11:09

    Endlich einmal ein guter Beitrag über die Mitgliedschaft an sich. Aber die damaligen Zeiten sind vorbei, die Mitgliedschft und die Mitglieder sind heute nichts mehr wert.

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