Volksbank BRAWO: Wertberichtigungen in außergewöhnlicher Größenordnung.

Braunschweig, den 17.September 2026. Die BVR Sicherungseinrichtung stützt die Bank – 96 Prozent der Wertberichtigungen betreffen bankferne Geschäftsfelder. Die wirtschaftliche Lage der Volksbank BRAWO eG lässt sich seit der Vorstellung der Geschäftszahlen für 2025 deutlich genauer beurteilen. Die am 15. September 2026 bekannt gegebenen Zahlen zeigen einen Wertberichtigungsbedarf in einer Größenordnung, die weit über das hinausgeht, was bisher öffentlich bekannt war.

Nach Angaben der Bank hätte das vorläufige Ergebnis nach den vorgenommenen Abwertungen bei minus 608,1 Millionen Euro gelegen. Betroffen sind Kredite, Wertpapiere, Beteiligungen und Immobilien. Zur Kompensation wurde unter anderem der Fonds für allgemeine Bankrisiken nach § 340g HGB in Höhe von 136 Millionen Euro aufgelöst. Hinzu kommen umfangreiche Maßnahmen der genossenschaftlichen Sicherungseinrichtung.

Nach veröffentlichten Angaben erhält die Volksbank BRAWO 473 Millionen Euro an Garantien. Zusätzlich soll das Eigenkapital durch die Zeichnung von Geschäftsguthaben in einer Größenordnung von bis zu 250 Millionen Euro gestärkt werden. Insgesamt ist damit von möglichen Stützungsmaßnahmen von bis zu rund 720 Millionen Euro die Rede. Die endgültige Höhe soll noch festgelegt werden. Die Volksbank BRAWO betont zugleich, weiterhin voll handlungsfähig zu sein.
Besonders aufschlussreich ist die inzwischen veröffentlichte Verteilung der Belastungen. Interims-Vorstandssprecher Dr. Lars Berkefeld erklärte, 96 Prozent der Wertberichtigungen entfielen auf bankferne Geschäftsfelder. Rund 80 Prozent des gesamten Wertberichtigungsbedarfs seien allein dem Bereich Real Estate zuzurechnen.

Damit wird deutlicher, wo die wesentlichen Ursachen der Schieflage liegen. Die Volksbank BRAWO hatte sich über Jahre weit über das traditionelle Geschäft einer regionalen Kreditgenossenschaft hinaus entwickelt. Zur BRAWO GROUP gehörten nach dem Jahresbericht 2024 bereits mehrere hundert Gesellschaften. Neben dem klassischen Bankgeschäft engagierte sich die Gruppe unter anderem in Immobilienentwicklung, Unternehmensbeteiligungen, erneuerbaren Energien, Gastronomie und weiteren Geschäftsfeldern.

Diese Strategie wird nun grundlegend korrigiert. Die Bank kündigte an, künftig wieder stärker auf „mehr Bank, mehr Region und weniger Komplexität“ zu setzen. Beteiligungen und Immobilienbestände sollen überprüft und teilweise zurückgeführt werden.

Auch der Bereich Corporate Investments blieb offenbar hinter den Erwartungen zurück. Nach Angaben der Bank erwirtschafteten verschiedene Beteiligungen nicht die erwarteten Erträge. Teilweise mussten Unternehmen stattdessen durch zusätzliche Kreditlinien unterstützt werden.Ein bemerkenswerter Blick zurück auf 2024. Gerade vor diesem Hintergrund lohnt sich der Blick in den Jahresbericht 2024.

Dort wurden Beteiligungen und Anteile an verbundenen Unternehmen mit einem Buchwert von rund 417,4 Millionen Euro ausgewiesen. Im Lagebericht hieß es ausdrücklich, für die Jahre 2025 und 2026 werde kein Wertberichtigungsbedarf auf das Beteiligungsportfolio erwartet. Die Beteiligungen würden regelmäßig nach Ertragswert beziehungsweise Discounted-Cashflow-Verfahren bewertet. Zwar wurde auf Unsicherheiten insbesondere bei Start-ups hingewiesen – ein grundlegender Wertberichtigungsbedarf wurde jedoch nicht erwartet.

Nur ein Jahr später ergibt sich ein völlig anderes Bild. Das bedeutet nicht automatisch, dass die damaligen Bewertungen fehlerhaft waren. Märkte können sich verändern, Erwartungen können sich als unzutreffend erweisen und neue Informationen können Neubewertungen erforderlich machen. Die Größenordnung der nun vorgenommenen Korrekturen macht jedoch eine andere Frage unvermeidlich:

Welche Risiken waren Ende 2024 bereits vorhanden oder erkennbar, und wie wurden sie damals bewertet?

Uneingeschränkter Bestätigungsvermerk im Mai 2025– Der Jahresabschluss und der Lagebericht 2024 wurden vom zuständigen Genoverband e.V. geprüft. Am 27. Mai 2025 wurde ein uneingeschränkter Bestätigungsvermerk erteilt.

Wenige Monate später musste die Geschäftsstrategie grundsätzlich überprüft werden. Im Mai 2026 wurde der damalige Vorstandsvorsitzende Jürgen Brinkmann freigestellt. Im September 2026 wird nun ein rechnerischer Fehlbetrag nach Abwertungen von mehr als 600 Millionen Euro bekannt. Auch daraus folgt noch kein Nachweis eines Prüfungsfehlers.

Der zeitliche Ablauf rechtfertigt jedoch konkrete Fragen. Nach § 53 GenG beschränkt sich die genossenschaftliche Pflichtprüfung nicht auf die rechnerische Kontrolle des Jahresabschlusses. Geprüft werden sollen auch die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Vermögenslage sowie die Ordnungsmäßigkeit der Geschäftsführung.

Bei einer Unternehmensgruppe mit mehreren hundert Gesellschaften und erheblichen Engagements außerhalb des klassischen Bankgeschäfts stellt sich deshalb insbesondere die Frage, welchen Stellenwert das Beteiligungs-, Immobilien- und Konzentrationsrisiko in den vorausgegangenen Prüfungen hatte.

Fragen, die jetzt beantwortet werden sollten. Von besonderem Interesse wäre deshalb, wie die Immobilienprojekte und Beteiligungen in den Prüfungsberichten der vergangenen Jahre beurteilt wurden. Wurden die zugrunde gelegten Immobilienwerte und erwarteten Cashflows kritisch hinterfragt?

Welche Stresstests wurden für rückläufige Immobilienpreise, steigende Baukosten, höhere Finanzierungskosten oder verzögerte Projektentwicklungen vorgenommen? Wie wurden zusätzliche Kreditlinien an Beteiligungsgesellschaften beurteilt?

Wurde die zunehmende Komplexität der BRAWO GROUP mit mehreren hundert Gesellschaften als besonderes Risiko thematisiert?

Und schließlich: Wann wurden die Entwicklungen erkennbar, die 2025 zu dem außergewöhnlich hohen Wertberichtigungsbedarf führten? Diese Fragen können anhand der öffentlich zugänglichen Jahresabschlüsse allein nicht beantwortet werden. Dazu wären insbesondere die genossenschaftlichen Prüfungsberichte und die zugrunde liegenden Bewertungsunterlagen erforderlich.

Bei der Bewertung des Falles sollte zugleich unterschieden werden zwischen der Ursache der Probleme und ihrer Bewältigung. Die genossenschaftliche Sicherungseinrichtung ist gerade dafür geschaffen worden, wirtschaftliche Schwierigkeiten einzelner Institute aufzufangen und die Stabilität des genossenschaftlichen Bankensektors zu gewährleisten.

Dass sie bei der Volksbank BRAWO tätig wird, ist deshalb zunächst Ausdruck dieses Sicherungssystems. Eine andere Frage ist jedoch, warum eine Unterstützung in dieser außergewöhnlichen Größenordnung notwendig geworden ist. Gerade ein Sicherungssystem, das Risiken gemeinschaftlich auffängt, hat ein erhebliches Interesse daran, Fehlentwicklungen möglichst frühzeitig zu erkennen.

Vom Erfolgsmodell zum Rückzug Noch im Jahresbericht 2024 präsentierte sich die BRAWO GROUP ausgesprochen selbstbewusst. Die weitreichende Diversifizierung wurde als Weiterentwicklung einer klassischen Genossenschaftsbank dargestellt.

Nun lautet die strategische Richtung praktisch umgekehrt: weniger Komplexität, weniger bankferne Aktivitäten, stärkere Konzentration auf das klassische regionale Bankgeschäft. Das ist möglicherweise die wichtigste Erkenntnis aus den neuen Zahlen.

Nicht das traditionelle Kredit- und Einlagengeschäft einer regionalen Genossenschaftsbank scheint die Volksbank BRAWO in ihre heutige Situation gebracht zu haben. Nach Angaben der Bank entfallen vielmehr 96 Prozent der Wertberichtigungen auf die Geschäftsfelder außerhalb des klassischen Bankgeschäfts.

Der Fall BRAWO wirft deshalb über das einzelne Institut hinaus eine grundsätzliche genossenschaftliche Frage auf: Wie weit sollte eine Kreditgenossenschaft ihr Geschäft in Immobilienentwicklung, Unternehmensbeteiligungen und weitere unternehmerische Aktivitäten ausdehnen – und wie wird sichergestellt, dass die daraus entstehenden Risiken noch beherrschbar bleiben?

Diese Frage betrifft Vorstand und Aufsichtsrat. Sie betrifft aber ebenso das gesetzliche System der genossenschaftlichen Pflichtprüfung. Der nun bekannt gewordene Wertberichtigungsbedarf von mehr als 600 Millionen Euro macht eine Aufarbeitung der vorausgegangenen Entwicklung deshalb nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht notwendig. Für die Mitglieder der Genossenschaft dürfte insbesondere von Interesse sein, wann die maßgeblichen Risiken entstanden, wann sie erkannt wurden und wie sie in den gesetzlichen Prüfungen der Vorjahre beurteilt worden sind.

Volksbank BRAWO
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