Worker Buyout rettet DDR-Treuhand-Industriebetrieb

Chemnitz, 6. November 2018 (geno). Worker Buyout.  Es dürfte eine äußerste Rarität sein – aber es gab sie: Es handelt sich um das genossenschaftliche Experiment eines ehemaligen-DDR-Industriebetriebes – die traditionsreiche UNION-Werkzeugmaschinenfabrik Chemnitz, die von der höchst umstrittenen Treuhandanstalt verwaltet, verkauft und schließlich in die Gesamtvollstreckung – also Insolvenz – geführt wurde.

Um den Beschäftigten die Arbeitsplätze zu retten, zog der seit 1972 dort als Betriebsleiter tätige Wolfgang Becker als letztes Hoffnungs-Ass ein genossenschaftliches Modell in Gestalt einer Mitarbeitergesellschaft aus der Tasche. Die genossenschaftliche Trumpfkarte stach.  Das außergewöhnliche Konzept- ein sogenannter Worker Buyout, bestand darin, dass mindestens 100 Mitarbeiter Anteile von je 10.000 DM (rund 5.100 Euro) erwerben mussten.

Der kooperative Großversuch, bei dem keiner einer Arbeitsplatzgarantie erhielt, gelang dennoch. Die Maschinenfabrik konnte über Wasser gehalten und erfolgreich weitergeführt werden, geht aus einer chronologischen Untersuchung des Seniorenkollegs der Technischen Universität (TU) Chemnitz hervor.
Am 1. Oktober 1996 konnten bereits die ersten 13 Mitarbeiter ihre Tätigkeit aufnehmen. Am 30. Juni 1997 waren schon alle 100 Anteilscheininhaber in der Fabrik wieder beschäftigt. Es wurde der Rohbau einer modernen Werkhalle aus der UNION-Konkursmasse erworben und fertiggebaut, sodass der neue Standort im November 1997 in Betrieb gehen konnte. Von da an ging es bergauf. Der Umsatz stieg auf 33 Millionen DM, der Nettogewinn auf zwei Millionen DM.

Der alte und neue Chef Wolfgang Becker war der Turbo dieses genossenschaftlichen Re-start Unternehmens. Er schied nach 30jähriger Tätigkeit im Jahr 2002 an der Unternehmensspitze aus. Es begann ein schleichender Erosionsprozess. Aber den entscheidenden Vernichtungsschlag führte die Hausbank aus.

Dazu heißt es in dem Bericht des Seniorenkollegs: „Im Jahr 2004 stellt erstmals die Hausbank die Eigentümerstruktur in Frage und fordert einen großen externen Investor. Begründet wird das mit der wachstumshemmenden Auswirkung der Mitarbeitergesellschaft.  Inzwischen ist die Zahl der Mitarbeiter auf 180 gestiegen, aber nur noch 74 Mitarbeiter hielten Anteile. Insoweit war eine Aufspaltung der Interessen immer mehr spürbar.“ Letztlich entscheiden sich die Anteilseigner für einen Verkauf von 61 Prozent der Anteile zum 1. Juli 2007 an eine Finanzierungsgesellschaft. Mit dieser Entscheidung habe aber auch schon die Identifikation mit dem Betrieb gelitten. Das kooperative Modell sei an seine Grenze gestoßen. Schließlich kaufte die Finanzierungsgesellschaft im Jahr 2009 alle restlichen Mitarbeiteranteile auf. Jeder Inhaber erhielt für seinen Anteil im Wert von 5.100 Euro jeweils 15.000 Euro ausgezahlt. Damit landete der genossenschaftliche Testballon in der sächsischen Werkzeugmaschinenindustrie ziemlich geräuschlos. ++ (in/mgn/06.11.18 – 216)

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1 Kommentar.

  • Es entsteht hier der Eindruck als wären Genossenschaften irgendwie unerwünscht.

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