Selbstverwaltung war zentrale Säule des Kreisauer Programms

Krzyzowa/Kreisau, 5. August 2020 (geno). Die Teilnehmer des Kreisauer Kreises und die „Verschwörer“ des 20. Juli 1944 setzten in ihrem Zukunftsmodell für Deutschland auf Dezentralisierung und Selbstverwaltung. Sogenannte „kleine Gemeinschaften“ sollten die Deutschen ermutigen, Verantwortung zu übernehmen und sich mit dem Gemeinwesen zu identifizieren. Dieser Grundgedanke für das Programm „Grundsätze für die Neuordnung“ stammte vor allem von Helmuth James Graf von Moltke, der auf seinem Gut Kreisau in Niederschlesien die erbittersten Gegner der Hitlerdiktatur versammelte, um mit ihnen ein neues Deutschland-Modell zu konstruieren. Nach ihren Plänen sollte es ein Zurück zur Weimarer Republik nicht geben. Sie versammelten zahlreiche Regimegegner um sich und berieten sich mit zahlreichen Fachleuten, um eine künftige Verfassung und Wirtschaftsordnung zu entwerfen. In erster Linie planten sie, eine neue deutsche Gesellschaft aufzubauen und den Frieden für kommende Generationen zu sichern. Die damalige Spaltung der Gesellschaft und den Parteienstreit in der Weimarer Republik machten die Kreisauer mitverantwortlich für ihr Scheitern und den Aufstieg des Nationalsozialismus. Eine parlamentarische Demokratie lehnten sie deshalb ab ebenso einen Obrigkeitsstaat oder gar eine Militärdiktatur.

Dass die konkreten Inhalte dieses Vorhabens bis in die Gegenwart kaum oder gar nicht bekannt sind, wirft ein deutliches Schlaglicht auf den fragwürdigen derzeitigen Zustand in Deutschland. Nicht einmal nach der Friedlichen Revolution in der DDR vor dreißig Jahren wurden die Konzepte der Kreisauer als neues Gesellschaftsmuster aus der Schublade geholt. Der Beitritt der DDR zur BRD wurde für die selbstbewussten Ostdeutschen zu einem entwürdigenden Vorgang der Unterwerfung. Die DDR-Bürgerrechtler hatten sich zuvor schließlich aus einer überlegenen Position heraus am Runden Tisch auf einen Dialog mit der Macht des Alt-Parteien-Systems eingelassen.

Ähnlich Demokratisches hatten die Kreisauer getan. Um einen möglichst umfassenden Konsens zu erreichen, führten Moltke und Peter Graf Yorck zu Wartenberg seinerzeit Gespräche mit Vertretern unterschiedlichster gesellschaftler Gruppen. Adelige und Bürgerliche, Konservative und Sozialdemokraten, katholische und evangelische Geistliche trafen sich in Kreisau und fassten dort gemeinsame Beschlüsse. Als geistige Basis der neuen Ordnung sollte das Christentum dienen. Praktisch umgesetzt wurde dieses Staats- und Gesellschaftsmodell der Kreisauer nie.

Nach den Worten des Historikers Hans Mommsen schlugen sich die ersten Neuordnungspläne in der im Sommer 1939 fertiggestellten Denkschrift „Die kleinen Gemeinschaften“ nieder. Der Geschichtswissenschaftler schreibt: „1941 hoffte Moltke, daß die europäische Demobilmachung in die Schaffung einer ‚großen Gemeinschaftsorganisation‘ einmünden werde, die in wirtschaftliche Selbstverwaltungskörper gegliedert war. Zukunftsweisend war die Idee, an die Stelle der großen Nationalstaaten ‚historisch gewordene Selbstverwaltungskörper‘ zu setzen.“ ++ (kr/mgn/05.08.20 – 120)

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