Sind unsere Genossenschaftsverbände noch glaubwürdig?

Berlin/München/Neu Isenburg den 10.März 2022. Das deutsche genossenschaftliche Verbandswesen erlebt derzeit eine schwere Krise. Umstrukturierung, mangelhafte Rentabilität, hohe Pensionsrückstellungen aber auch  die Fluktuation in den Führungsetagen sind dagegen Schnee von gestern.   Die genossenschaftliche Basis ist aufgewacht und formiert sich bundesweit. Musterprozesse und Anzeigen wegen Untreue sorgen bei den Genossenschaftsverbänden für Unruhe und Vollbeschäftigung,  denn die Existenzberechtigung und vor allen ihre Glaubwürdigkeit steht zur Disposition. Eine heute am 10.März 2022 vorgestellte Studie bringt die Sache auf den Punkt

Die Grundlagen der auf Selbstorganschaft basierenden genossenschaftlichen Selbstverwaltungs-organisation in Deutschland wurden am 23. März 1889 im Deutschen Reichstag gelegt. Dort wurde in der 45. Sitzung auch der Schutz der Genossen vor Ihren Genossenschaftsorganen diskutiert, woraus sich die heute existierenden genossenschaftlichen Prüfungsverbände entwickelten. (1) Heute hat sich das Betätigungsfeld der genossenschaftlichen Verbände gewendet. Es handelt sich also nicht mehr um den ursprünglich vom Gesetzgeber gewollten Schutz der Mitglieder vor ihren Verbandsorganen. Vielmehr vertreten die Genossenschaftsverbände die Interessen der Genossenschaftsorgane und schützen die Genossenschaften vor ihren Mitgliedern.(*) Was sagt der Gesetzgeber dazu?

Genoleaks hat Auszüge der Studie Mitarbeitern und Führungskräften, sowie ehemaligen Prüfern von 2 genossenschaftlichen Prüfungsverbänden vorgelegt und deren Statements eingeholt und anonymisiert. 

Leitende Verbandsmitarbeiter zweifeln inzwischen aber selbst  an Umsetzung der Genossenschaftsidee und äußern sich hier anonym. „ Wir machen hier nur unseren Job. Die Sozialleistungen sind überdurchschnittlich, die Altersversorgung stimmt, die Büroausstattung ist gut. Das Berichtswesen dagegen ist antiquiert und das neue Change Management soll eigentlich nur die Deckungsbeiträge zu steigern. Ändern wird sich hier garantiert nichts. Die Kommunikation zwischen den Abteilungen ist unzureichend und anscheinend auch unerwünscht.

Meine Mitarbeiter und ich sind hochspezialisierte Verbandsarbeiter, man kann auch sagen  vergleichbare Jobangebote vor der eigenen Haustür sind wirklich sehr begrenzt. Tatsächlich sind wir schwer vermittelbar, teuere Fachkräfte mit hohen Ansprüchen. So das Jobcenter. Fazit wir kommen hier nicht mehr raus. Wir können Überstunden ansparen und im Sommer abfeiern.“

Im Freundeskreis und gegenüber Dritten hört sich Genossenschaftsverband als Arbeitgeber ja noch einigermaßen gut an – irgendwie sozial engagiert. Eigentlich sind  wir die Guten.  Genossenschaften haben ja ein gutes Image aufgebaut, von dem wir profitieren. Unter den WP Kollegen werden wir belächelt. Richtig Geld verdient wird woanders. Verglichen mit den Big 4  (WP Gesellschaften)  fehlt uns der Wettbewerb. Die abrechenbaren Leistungen stehen im Fokus, die Interessen unser Mandanten stehen hinten an. Da werden Stunden gekloppt – ohne Ende.“ 

„Einige  meiner älteren Kollegen aus der Prüfung führen sich beim Mandanten auf wie der Herrgott, Betriebsprüfer vom Finanzamt sind dagegen echte einfühlsame Gentlemen. Ihnen fehlt jede soziale Kompetenz. Mit ihren teilweise willkürlichen Wertberichtigungen entscheiden diese Kollegen so ganz nebenbei über das Schicksal von Kleinunternehmen und Häuslebauern,  obwohl ihnen doch die detaillierten Marktkenntnisse fehlen. Genossenschaftliche Förderung sieht anders aus.“

„Die Anzahl der abzurechnenden Stunden sind abhängig von der Bilanzsumme der zu prüfenden Genossenschaften. Unser Mitgliedsgenossenschaften  können auch nicht so einfach weglaufen.  Ob wir wirklich einen gesellschaftlichen Nutzen stiften, möchte ich bezweifeln.   Mit der Genossenschaftsidee  hat dass, was wir hier so treiben sehr wenig am Hut. Wer hier von aus der Reihe tanzt hat Probleme. Es herrscht eine Misstrauenskultur und Silodenke – anstatt Probleme offen zu diskutieren, werden diese einfach ignoriert.“ 

„Unsere Grundeinstellung gegenüber der genossenschaftlichen Basis (damit sind jetzt wirklich die Genossenschaftsmitglieder gemeint Anm. der Redaktion)  ist grundlegend falsch und hat nicht viel mit der Idee von Raiffeisen zu tun. Das ist bei uns im Haus ein absolutes Tabuthema und Sozialromantik.   Wir vertreten, als Verbands die Interessen der Genossenschaften / Genossenschaftsvorstände, aber auch nur wenn diese unsere Verbandsinteressen,  gemeint sind die Zielvorgaben,  umsetzen. Die Herren, die  bei uns als Verbandsrat oder Fachrat einfallen wollen natürlich auch nur ihre eigenen Interessen durchsetzen, ihre Pensionsansprüche optimieren und sich in Berlin beliebt machen.

Ich habe Familie und Wohneigentum und denke mir natürlich meinen Teil. Darum machen wir auch weiter, obwohl inzwischen auch Selbstzweifel aufkommen. Meine Kollegen und ich haben in der Home Office Zeit viel im Internet gesurft. Internetangebote wie die GenoNachrichten, die sich kritisch mit uns auseinandersetzen sind häufig besser informiert als wir. Wir fragen uns manchmal wie lange das noch gut geht.  GenoLeaks ersetzt häufig das schwarze Brett.“
Die o.a. Studie wird im April 2022 in der ZuGK – Zeitschrift für die unabhängige Genossenschafts- und Kooperationswirtschaft, Genossenschaftsrecht und Genossenschaftspraxis veröffentlicht.

 

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