Edinburgh/Berlin, den 14.04.2026. Schottland setzt auf lokale Wertschöpfung, breitere Eigentumsbildung und Genossenschaften. Deutschland redet davon – und betreibt vor allem im Bankensektor – zugleich eine Binnenmarkt- und Regulierungslogik, die genau die lokalen Strukturen schwächt, auf die es ankäme.
Schottland hat etwas getan, das in Deutschland fast schon revolutionär wirkt: Es hat die Idee, Wohlstand vor Ort zu erzeugen, lokal zu halten und breiter zu streuen, gesetzlich verankert. Der Community Wealth Building (Scotland) Act 2026 verpflichtet die schottische Regierung zu einer landesweiten Strategie und lokale Behörden mit weiteren öffentlichen Stellen zu Aktionsplänen für die örtliche Wirtschaft. Bemerkenswert ist vor allem: Genossenschaften werden ausdrücklich als zu fördernde Unternehmensform genannt – neben mitarbeitergeführten Unternehmen und Sozialunternehmen. Der Gesetzentwurf wurde am 10. Februar 2026 vom schottischen Parlament verabschiedet und erhielt am 25. März 2026 Royal Assent. (parliament.scot)
Damit macht Schottland politisch klar, was in Deutschland meist nur in Sonntagsreden vorkommt: Genossenschaften sind kein nostalgisches Relikt, sondern ein Instrument wirtschaftlicher Demokratie. Sie können Vermögen breiter streuen, regionale Kreisläufe stärken und wirtschaftliche Macht wieder näher an Bürger, Mitglieder und Gemeinden binden. Genau deshalb ist der schottische Ansatz aus genossenschaftlicher Sicht so interessant. Er behandelt die Genossenschaftsidee nicht als Folklore, sondern als Baustein einer modernen Wirtschaftsordnung.
Die unbequeme Frage für Deutschland
Wer dieses Konzept auf Deutschland übertragen will, stößt allerdings sofort auf ein Problem: Deutschland ist an das EU-Binnenmarktregime gebunden. Öffentliche Beschaffung darf nicht einfach nach dem Motto organisiert werden: lokal ist gut, also bekommt lokal den Zuschlag. Das europäische Vergaberecht verlangt Gleichbehandlung, Transparenz und Nichtdiskriminierung. Offene Bevorzugung rein nach geografischer Herkunft wäre unionsrechtlich hoch angreifbar. Gleichzeitig unterliegt gezielte Förderung einzelner Strukturen oder Unternehmensformen schnell dem Beihilfenrecht nach Artikel 107 AEUV. (EUR-Lex)
Damit ist der Kernkonflikt benannt. Community Wealth Building will Wohlstand territorial binden, lokale Kreisläufe stärken und Eigentum breiter streuen. Der EU-Binnenmarkt ist dagegen strukturell auf Marktöffnung, grenzüberschreitenden Zugang und wettbewerbliche Neutralität angelegt. Diese beiden Logiken schließen einander nicht vollständig aus. Aber sie ziehen in unterschiedliche Richtungen. (EUR-Lex)
Die bequeme deutsche Ausrede lautet meist: „Brüssel verbietet das alles.“ Das stimmt so nicht. Die EU-Kommission betont selbst, dass öffentliche Beschaffung auch soziale Ziele verfolgen kann und dass sozial verantwortliche Beschaffung ausdrücklich gewollt ist. Es gibt also Spielräume. Öffentliche Aufträge können so ausgestaltet werden, dass soziale
Kriterien, Zugang kleinerer Anbieter oder gemeinwohlbezogene Effekte stärker berücksichtigt werden. Aber dieser Spielraum ist eng, technokratisch und konfliktanfällig. Ein klares politisches Bekenntnis zugunsten lokaler, demokratisch kontrollierter Eigentumsformen wird im Binnenmarktregime schnell zu einem vergaberechtlichen Spezialproblem (Binnenmarkt und Industrie).
Selbst das ist aber noch nicht der eigentliche Skandal. Denn wesentlich härter zeigt sich die Fehlentwicklung im Bereich der Bankenregulierung. Dort geht es nicht nur um Ausschreibungen oder Förderprogramme, sondern um die elementare Frage, wer in einer Volkswirtschaft Kredit schafft und wohin dieser Kredit fließt.
Gerade kleine, lokal verankerte Banken sind für örtliche Wirtschaftskreisläufe von zentraler Bedeutung. Sie kennen die Unternehmen, die handelnden Personen und die regionalen Gegebenheiten. Sie finanzieren oft dort, wo standardisierte Großstrukturen längst aussteigen würden. Sie sind deshalb für Mittelstand, regionale Innovation und wirtschaftliche Vielfalt besonders wichtig. Werden diese Institute durch immer dichtere Regulierung, Standardisierung und Fusionsdruck geschwächt, dann verschwindet nicht bloß ein Stück Bankenmoral oder Regionalromantik. Dann wird die produktive Basis realer Wirtschaftsentwicklung angegriffen.
Die großbankenbegünstigende Regulierungslogik hat nämlich eine doppelte Wirkung. Erstens drängt sie kleine Institute strukturell zurück, weil dieselbe regulatorische Dichte für ungleich große Institute gerade die kleineren Banken überproportional belastet. Zweitens lenkt sie die Kreditgeldschöpfung in die falsche Richtung. Statt örtlichen Wirtschaftskreisläufen, neuen Ideen, produktiven Investitionen und dem regionalen Mittelstand zugutezukommen, fließt Kredit in einem finanzialisierten System überproportional in unproduktive Verwendungen und in die Aufblähung volkswirtschaftlich schädlicher Finanzblasen. Dieser letzte Punkt ist eine wirtschaftspolitische Wertung – aber eine, die in der Debatte über Regionalbanken viel zu selten offen ausgesprochen wird.
Mit anderen Worten: Wer kleine, regional verankerte Banken kaputtreguliert, schwächt nicht nur die dezentrale Kreditentscheidung. Er fördert zugleich ein System, in dem Kredit weniger in reale Wertschöpfung und stärker in spekulative Sphären wandert. Dann wird Kreditgeldschöpfung nicht zum Motor örtlicher Entwicklung, sondern zum Treibstoff von Preisblasen und Vermögenskonzentration. Genau das ist der Gegensatz zu dem, was Schottland mit Community Wealth Building politisch wenigstens anstrebt.
Das deutsche Problem ist tiefer als nur fehlender Wille
Für Deutschland bedeutet das: Die Übernahme eines schottischen Modells scheitert nicht nur an mangelndem Mut der Politik. Sie scheitert auch an einem rechtlichen und regulatorischen Rahmen, der Marktöffnung, Standardisierung und Zentralisierung systematisch höher gewichtet als regionale Eigentumsstreuung, lokale Kreditversorgung und wirtschaftliche Demokratie.
Im Vergaberecht heißt das: lokale Bindung darf nicht offen bevorzugt werden. In der Förderpolitik heißt es: selektive Unterstützung ist beihilfenrechtlich heikel. Im Bankensektor heißt es: dieselbe Regelungslogik trifft kleine Institute härter als große und begünstigt damit Konzentration. Am Ende wird überall dasselbe Ergebnis produziert: Die Strukturen, die örtliche Wirtschaftskreisläufe tragen könnten, werden politisch gelobt und praktisch geschwächt.
Fazit: Schottland sendet ein starkes Signal: Genossenschaften, lokale Wirtschaftskreisläufe und breitere Eigentumsbildung sind politisch erwünscht und gehören in einen gesetzlichen Rahmen. Deutschland dagegen liefert das Gegenmodell. Hier wird zwar gern von Resilienz, Mittelstand und regionaler Verantwortung gesprochen. Gleichzeitig wirkt ein Ordnungsrahmen aus Binnenmarktlogik und großbankenfreundlicher Regulierung, der genau jene dezentralen Strukturen beschädigt, auf die es für eine gesunde Volkswirtschaft ankäme. (EUR-Lex)
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Genossenschaften und kleine Banken modern genug sind. Die eigentliche Frage lautet, ob Politik überhaupt noch ernsthaft will, dass Wohlstand breit gestreut, Kredit produktiv vergeben und wirtschaftliche Macht vor Ort verankert wird. Wer das wirklich will, darf nicht nur Genossenschaften freundlich erwähnen. Er muss auch die Binnenmarkt- und Regulierungslogik angreifen, die lokale Eigentumsformen, dezentrale Kreditversorgung und reale Wertschöpfung systematisch benachteiligt.



