SuperCoop – eine neue Genossenschaft in Berlin

Einige Presseberichte hatten es angekündigt: Es gibt eine neue Genossenschaft namens SuperCoop in Berlin. Es ist ein Supermarkt, an dem die Mitglieder Anteile halten. Wer Anteile hält, darf dort einkaufen.  Damit sich die Mitglieder mit dem Supermarkt identifizieren, muss jedes Mitglied drei Stunden im Monat mitarbeiten und darf durch ein demokratisches Abstimmungssystem im Supermarkt mitbestimmen. Der digitale Stundenzettel wird überprüft, ohne Kontrolle geht es also nicht. Alle Informationen, von der Geschäftsführung bis zur Preispolitik sind transparent und allen zugänglich. Die Mitgliederförderung geschieht durch Lebensmittel, welche dank der erzielten Gewinne vergünstigt abgegeben werden. Der Grundbetrieb wird mit Angestellten gewährleistet, die sich um Einkauf, Buchhaltung, Personalplanung und die grundlegenden Abläufe kümmern.

Eine tolle Idee, die bereits im Amerika, in Paris und in Brüssel mit teils mehreren tausend Menschen funktioniert. Laut der Webseite suchen die Gründer derzeit einen guten Standort, um dann per Crowdfunding die Mitgliedsbeiträge einzusammeln. Ein Konzept, das der Grundidee der Genossenschaftsbewegung nahe kommt: Sich helfen. 

Ein Werbefilm stimmt ein:

Faire Bezahlung der Produzenten, lokal, Auswahl der Produkte durch Mitglieder. Besseres Essen durch faire Bezahlung. 

Damit reiht sich diese Idee in die Reihe der vielen Initiativen ein, die von Menschen aus den jeweiligen Kiezen gedacht und für diese gedacht sind. Unverpackt, weg von Junk Food, für den kleinen Geldbeutel, gerichtet an Menschen, die sich keine guten Lebensmittel leisten können. 

Dem Kaufmann stellen sich dennoch ein paar grundlegende Fragen:

In Frankreich beträgt die Umsatzrendite im Lebensmitteleinzelhandel zwischen 1,5 und 2,5 Prozent. In Frankreich sind Lebensmittel teuer, aber die Franzosen gönnen sich auch gerne eine gute Qualität, denn Essen ist wichtig. In Deutschland ist dagegen Essen eines der wenigen Posten, an denen Menschen sparen können. Der Marktanteil der Discounter liegt in Deutschland bei ca. 50%, Bezugsgröße ist die Menge. Das muss nicht mehr unbedingt auf Kosten der Qualität gehen, denn auch die Discounter führen längst lokale und nachhaltig produzierte Lebensmittel. Die Umsatzrendite in Deutschland für Lebensmittel liegt bei ungefähr einem Prozent. Das bedeutet, dass an 100 Euro 1 Euro verdient wird. Das inzwischen zerschlagene SB-Warenhausunternehmen real,- hat diesen Traumwert zuletzt verfehlt. Die führenden Discounter liegen aufgrund ihrer Nonfood Aktionen bei ca. 3%. Die Umsatzrendite erhöht sich, wenn es eine größere Spanne oder niedrigere Beschaffungskosten gibt.
Wer die Lebensmittel aus fairem Anbau bezieht, wird höhere Einkaufspreise zahlen. Er müsste dann auch eine größere Spanne erzielen, um die Lebensmittel wiederum preiswerter als die Mitbewerber abzugeben. Ist das gegeben? Und wie? Werden die Lebensmittel von anderen Genossenschaften oder Solawis bezogen? Geben diese die entsprechenden Rabatte? Oder ist die Einkaufsmacht groß genug, um bessere Preise zu erzielen? Und die Demokratisierung des Warenkorbes klingt zwar wunderbar, kann aber dazu führen, dass Umsatzbringer bzw. margenstarke Produkte ausgelistet werden, weil die Gemeinschaft keine betriebswirtschaftlichen Kriterien anlegt.  

Aber rechnen wir einfach mal: 

Nehmen wir an, dass alle 500 Mitglieder im Schnitt für 200 Euro netto im Monat bei SuperCoop einkaufen.  Das wären monatlich 100.000 Euro Einnahmen und bei 1 Prozent Umsatzrendite ein Gewinn von 1.000 Euro im Monat bzw. 12.000 Euro im Jahr.  Das klingt für ein so ambitioniertes Projekt nicht viel. Immerhin muss bei der Beschaffung in Vorleistung gegangen werden, vielleicht muss investiert werden, eine gewissen Reserve aufgebaut werden. Nun kann man sagen, dass das ja dadurch verändert werden kann, dass die Genossenschaft wächst. Das bedeutet zwar wieder einen höheren organisatorischen Aufwand, mehr Personal, mehr Fläche, mehrere Betriebsstätten, die beliefert, bedient, organisiert werden müssen, aber das lassen wir jetzt einmal außer Acht. Rechnen wir weiter: 2000 Mitglieder, welche im Schnitt 200 Euro im Geschäft ausgeben. Das sind 400.000 Euro, also 4000,00 Euro Gewinn pro Monat und 48.000 Euro pro Jahr. 7000 Mitglieder mit 200 Euro würden den Umsatz immerhin auf 1.400.000 Euro steigern und den Gewinn auf 14.000 Euro, das wären dann 168.000 Euro im Jahr. Erst die amerikanischen Zahlen machen dann aber echten Eindruck: 17.000 Mitglieder mit 3.400.00 Euro würden für 34.000 Euro im Monat sorgen, das wären 408.000 Euro im Jahr. Hier könnte man dann langfristig daran denken, Eigentum zu erwerben. 17.000 Menschen, die über das Sortiment mitbestimmen und 3 Stunden am Tag mitarbeiten? Eine Herausforderung für die Festangestellten. 

Interessant wird daher auch die Frage der unentgeltlichen Mithilfe. Wie wird das steuerrechtlich eingeordnet? Welche Vorschriften macht die Berufsgenossenschaft? Welche Tätigkeiten kommen überhaupt in Frage, denn drei Stunden ist nicht viel. Wer wird Arbeitsschutzbeauftragter, Datenschutzbeauftragter? Wie transparent darf die Genossenschaft sein, um den Datenschutzbestimmungen zu genügen? Wie wird sich das Verhältnis zwischen Festangestellten und Mitglieder gestalten, wenn die Festangestellten einen Bedarf feststellen, der den Mitgliedern aus ökologischen Gründen oder anderen Gründen nicht geboten scheint? Welche Regelungen gelten in der Urlaubssaison, wenn einen Monat lang viele der Mitglieder keinen Bedarf haben? Wie werden die abgelaufenen Lebensmittel behandelt? Preisreduziert auf Kosten der Marge? 

Bitte nicht falsch verstehen, dass soll keine Kritik an dem Engagement von jungen Menschen sein, die mit viel Elan und Herzblut eine Genossenschaft gründen wollen. Der selbstständige Lebensmittelhändler, der selbst am tagtäglich am Markt bestehen muss, kommt aber schon ins Grübeln und erinnert sich wehmütig an den Tante Emma Laden an der Ecke.

Je mehr Beteiligte es gibt und je mehr Verantwortung in vielen Händen ist, umso schwerer ist es ein Geschäft zu führen. Und so kann man sich trotz aller Sympathie die Frage stellen, ob eine Genossenschaft mit ihren hohen bürokratischen Anforderungen und Vorgaben der genossenschaftlichen Prüfungsverbände wirklich die geeignete Rechtsform für ein derartiges komplexes, basisdemokratisch organisiertes Projekt ist. Aber Bemühungen das Genossenschaftsgesetz zu renovieren und zu vereinfachen gibt es ja bereits.

Zunächst wünschen wir aber den Machern von SuperCoop viel Erfolg. Probieren geht über Studieren und wenn das Projekt funktioniert, wäre es ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zu lokalen, regionalen, basisdemokratischen Genossenschaften, die wir uns so wünschen. 

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